Die Neue Unfreie Presse

Trafik

Sterben die Zeitungen, wie wir sie kennen, stirbt dann der Journalismus, wie wir ihn brauchen? Es gibt Fragen, die führen nicht immer zu den richtigen Antworten.

Ist das Glas halb leer oder halb voll? Hat unsere privatwirtschaftlich organisierte Presselandschaft, massiv betroffen vom digitalen Klimawandel, Probleme – oder steht sie vor Herausforderungen? Werden einzelne Spezies wie Zeitungen und Zeitschriften, die reale Anpassungsschwierigkeiten mit den veränderten Bedingungen haben, folglich aussterben? Und wer wird dann unsere Informationsversorgung, die der mündigen Bürger, gewährleisten, wenn die Zeitungen in der Form, wie wir sie heute kennen, nicht mehr wahrnehmen wird können? Wird „Information“ von „Infotainment“ abgelöst und werden nurmehr oberflächliche „Fakten, Fakten, Fakten“ der Agenturen die tiefer gehenden Hintergrundberichte von Professionalisten ersetzen können? Schlägt im Internet dann auch für den Journalismus die „Stunde der Dilettanten“? Oder werden aus Journalisten Blogger und aus Bloggern Journalisten?

Engagierter und investigativer Journalismus ist keine Nebenbeschäftigung, er kostet Zeit und Geld. Geld, das den Redaktionen fehlt, seit der Anzeigenmarkt ins Internet abgewandert ist und beispielsweise der Sportteil das Feuilleton nicht mehr automatisch querfinanzieren kann, weil das Modell „Zeitung“ vom Zugriff auf Einzelartikel bedroht ist. Zeit, die die krankgeschrumpften Redaktionen im täglichen Geschäft kaum mehr haben und sich darum auch nicht mehr für rechercheintensive „stories“ haben.

Wenn Anzeigen und Abonnements im Print zurückgehen, wenn Bezahlschranken für digitalen „content“ eher abgelehnt denn angenommen werden, müssen wir uns als Gesellschaft Sorgen um die Zukunft der Presse machen? „Wer bezahlt guten Journalismus?“ Das fragt Andreas Sator in seinem aktuellen Beitrag auf zurpolitik.com (vom 5. Juni 2012).

Artenschutz für Printmedien?

Für ihn scheint es ausgemachte Sache zu sein, dass die Presse nicht vor Herausforderungen sondern vor Problemen steht, die überlebensbedrohlich sind. „Medienwandel“ und „Medienumbruch“ heißt hier: Medien werden sterben, sie, die Ressourcen des mündigen Bürgertums, fallen einfach weg und sind „für immer verloren“.

Seine Lösung für das prognostizierte Problem, dass Zeitungen und Zeitschriften sterben werden, lautet folglich: Artenschutz.

Andreas Sator möchte die Gesellschaft in die Pflicht nehmen. Nicht uns einzelne Bürger, die Zeitungen durch die Subskription von gedruckten oder digitalen Abonnements oder wenigstens durch die Abschaltung der Werbeblocker unserer Browser unmittelbar unterstützen sollen. Sondern den Staat, der freie Presse mittels Fördermitteln und Programmen unterstützen und am Leben halten soll. Jedoch nicht jedes Presseerzeugnis soll unterschiedslos finanziell unterstützt werden, alleine wertvoller, das heißt: „förderungswürdiger“ Journalismus könne – gerechtfertigterweise – in den Genuss staatlicher Alimentation kommen.

Sowohl die Analyse des Ist-Zustands der Presseverlage als auch der Lösungsvorschlag von Andreas Sator sind aus mehreren Gründen, nun ja, problematisch.

Die Zeitung wird nicht sterben

Wer auch nur einen oberflächlichen Überblick über die Entwicklung in den Redaktionen und Zeitungsverlagen bei unserem bundesdeutschen Nachbarn hat, weiß, dass viele Ursachen für den „Status quo“ vor allem in den Unternehmen zu suchen sind: Es ist nicht allein der Kostendruck, der Redaktionsteams ausdünnen lässt, sondern Renditedruck (auch bei uns in Österreich werden bis zu 10% Rendite erzielt). Eine Zeitung zu „machen“ heißt heutzutage vor allem, in eine Zeitung zu „investieren“, Zeitungen sind in Deutschland vor allem Investitionsobjekte, der klassische Verleger als „Blattmacher“ ist längst dem klassischen Manager als Kosteneinsparer gewichen. Und gespart wird, wie überall, an den Menschen. Prekäre befristete Beschäftigungsverhältnisse und ausbeuterisches Total-Buy-Out-Verträge für freie Journalisten sind nicht dem Rückgang des Anzeigenvolumens, sondern der Erwartung einer Ertragssteigerung des Anlageobjektes „Zeitung“ geschuldet.

Zudem ziehen sich viele Zeitungen aus der „Fläche“ zurück, Redaktionen vor Ort werden aufgelassen und unter Personaleinsparungen zentral zusammengelegt, was in der journalistischen Qualität und Quantität der regionalen Berichterstattung zu spüren ist. Die „regionalen“ Seiten einer Tageszeitung werden vor allem von nationalen und internationalen Agenturmeldungen „ummantelt“. An ihre Stelle als informationelle Nahversorger treten Städte-Blogs oder Sport-Blogs, die die Bedürfnisse der Bevölkerung erfüllen.

Es ist weiters ein Allgemeinplatz, dass nicht die Abonnentenkunden die redaktionelle Berichterstattung finanzierten, sondern vor allem die Anzeigenkunden. Die Zeitungsverlage haben folglich mit einem funktionierenden Modell einer Mischfinanzierung die unterschiedlich „zugkräftigen“ Themen gegen- und querfinanziert.

Da das Anzeigengeschäft mit privaten Annoncen und gewerblichem Stellenmarkt im Grunde komplett von der Gratiskultur des Internets aufgesogen wurde und die „klassische“ Werbung mit dem veränderten Nutzerverhalten geht, heißt das: die Zeitungsverlage müssen Ersatzmodelle zur Finanzierung von qualitativ hochwertigem Journalismus finden. Auch wenn das „Ei des Kolumbus“ vergangener Zeiten noch nicht in Sicht ist, sind Zeitungsverlage, die ja Teil der „Kreativbranche“ sind, nicht untätig geblieben.

Obwohl in der Außenwirkung vor allem kreativ im Klagen (nicht im juristischen Sinne, aber auch), sind die „content“-Lieferanten dabei, sich mit verschiedenen Dienstleistungen und Geschäftsmodellen „crossmedial“ in der digitalen Welt aufzustellen. Mit digitalen Medien machte die Axel Springer AG im Jahr 2011 rund ein Drittel seines Gesamtumsatzes (30,2%,) und ein Drittel der lukrierten Gesamterlöse (30,9%), Tendenz steigend (2010: 27,4%). Andreas Sator mag nicht zu Unrecht einwenden, dass die Presseerzeugnisse der Axel Springer AG, allen voran „Bild“ und „Bild am Sonntag“ nicht zweifelsfrei als förderungswürdig einzustufen seien, was die Einhaltung „bestimmter Kriterien“ anbelangt. Jedoch ist sein Befund, dass – auch guter – Journalismus, heute nicht mehr ohne staatliche Hilfen nicht (mehr) finanzierbar ist, wenig plausibel.

Gewaltenteilung contra Presseförderung

Und an dieser Stelle müssen wir uns zudem fragen, was eine staatliche Förderung aus Steuermitteln anhand „bestimmter“ Kriterien für die Zukunft der „Vierten Gewalt“ bedeutet. Lassen wir beiseite, dass nur eine verstaatliche Presse garantieren wird, dass trotz Fördermittel nicht weiterhin Redaktionen personell ausgeblutet und vor allem marktgerecht produzierte Artikel erscheinen werden, denn private Wirtschaftsunternehmen streben wesens- und rechtmäßig nach Gewinn.

Staatliche Finanzierung von Presseerzeugnisse – ob direkt über Fördermittel oder indirektüber Regierungsanzeigen – heißt: staatliche Einflussnahme auf Presseerzeugnisse. Wir können nicht so vertrauensselig sein, dass wir meinen, dass ein aus staatlich verteilten Steuermitteln gerade ein, immer wieder auch gegen den Staatsapparat gerichteter investigativer Journalismus finanzieren ließe (sub verba: „Wer zahlt, schafft an“ und „wess’ Brot ich ess’, dess’ Lied ich sing’“). Staatlich subventionierter Journalismus ist kein unabhängiger Journalismus, nur eine privat finanzierte Presse ist eine freie Presse, die in wechselseitiger Konkurrenz der Meinungen und wohlbedachter Distanz zur Macht ihre gesellschaftlich wichtige Aufgabe erfüllen kann.

(Leseempfehlung: “Indiskretion Ehrensache” von Thomas Knüwer)

Erstveröffentlichung in ZiB21 vom 5. Juni 2012

Bildnachweis: Tabak-Trafik (in der Otto-Bauer-Gasse 27) von Manfred Werner cc by-sa 3.0
Textnachweis: Joachim Losehand cc by 3.0 AT