„… und danke für den Fisch“: Open Data, Open Gouvernment und der Bürger 2.0

Open_Data_Herz-Jesu-570x427„Wie ich 2020 mit Politik und Verwaltung interagieren werde und welche Daten mir dafür zur Verfügung stehen werden“. Ein Themen-Wagen zur Blogparade für twenty.twenty: Open data. Open rules? (23.02.11, 19-22h)

Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht in einem: Es ist gut, dass es nicht noch schlechter werden kann.“ Wer schon einmal in die Zukunft der Menschen geschaut hat, unseren Phantasien über die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen des technischen Fortschritts auf die künftigen Generationen über die Schulter geblickt hat, für den lautet die Konsequenz aus science fiction: „Ich habe nur eine schlechte Nachricht, und die lautet: Es wird noch schlechter“.

Die vorgeblichen Segnungen der Technik werden durch den Geist des Menschen, der – anders als Mephistopheles – Gutes will und doch Böses schafft, so konterkariert, dass in manchen Zukunftsphantasien die maschinisierte Technik sich diesen unlustigen „Virus Mensch“ gleich komplett vom Hals schaffen will.

Kranke Krankheit“. Doch auch wir Menschen sind von einem Virus befallen, einem Charakterzug, den die Dichter und Denker des antiken Griechenlands „Hybris“ nannten, und den wir seit dem Psychologen Paul Watzlawick (1921-2007) als das Prinzip des „Mehr-Desselben“ kennen: „Knoblauch reinigt die Atemwege, mehr Knoblauch reinigt [folglich] die Atemwege noch mehr“. Es gibt keinen persönlichen oder gesellschaftlichen Lebensbereich, in dem eine einmal als erfolgreich erkannte Strategie nicht hoffnungsvoll repetiert, multipliziert oder gar potenziert wird, die schließlich nicht nur das ursprüngliche Problem nicht beseitigt, sondern selbst zu einem neuen, zumeist sogar größeren Problem wird.

Mehr Geld, mehr Macht, mehr Toleranz, mehr Freiheit, mehr Gleichberechtigung, mehr Jugendschutz, mehr Nichtraucherschutz, mehr Offenheit, mehr Transparenz, mehr, mehr, mehr. Und natürlich mehr Technik – oder: überhaupt keine Technik mehr. Denn jedes „Mehr“ wird durch ein anderes antagonistisches „Mehr“ in Schach zu halten versucht, weil, das „Mittelmaß“, das ist ja einfach nur erbärmlich.

Technik schreitet vorwärts, Menschen stolpern krebswärts. Technischer und menschlicher Fortschritt verlaufen in anderen, kaum parallelen Bahnen. Während die Technik in den vergangenen zweihundert Jahren exponentiell weiterentwickelt wurde, verlief die geistige und soziale Entwicklung der Menschheit in Wellenform oder graphisch wie die Silhouette eines Gebirgszugs. Hochlichte Gipfel der Aufklärung wurden in kürzester Zeit durch tiefdunkle Täler der Barbarei abgelöst.

Der Grad der Barbarei oder der Freiheit wurde dabei vom technischen Fortschritt nur phänomenologisch bzw. empirisch unterstützt. Die Nationalsozialisten waren in Osteuropa nur darum erfolgreicher in ihrer Barbarei als die Conquistadores in Südamerika, weil ihnen die technischen Mittel an die Hand gegeben waren, am unbedingten Willen zur Ausbeutung und zur Ausrottung hat es beiden in gleicher Weise nicht gefehlt.

Harte Schale, weicher Keks (“to put it all in a nutshell“): Welche Schlussfolgerungen werde ich also aus diesen kursorischen Vorüberlegungen ziehen, und wie stelle ich mir vor, „wie ich 2020 mit Politik und Verwaltung interagieren werde und welche Daten mir dafür zur Verfügung stehen werden“?

Zunächst: Selbst wenn in unserer Gesellschaft alle Dokumente öffentlicher Belange auch wirklich öffentlich gemacht und barrierefrei allen Menschen bis 2020 oder 2030 oder auch erst 2050 zugänglich gemacht werden, ist damit eine positive gesellschaftliche und politische Wirkung, ein Fortschritt an Wohlfahrt, Demokratie und Mitbestimmung, der mit dem Fortschritt an technischen Möglichkeiten korreliert, keineswegs garantiert.

Mehr Information“ bedeutet nicht: „mehr Wissen“, und „mehr Wissen“ bedeutet nicht „mehr richtige Entscheidungen“ – ganz gleich, wie man zum Verhältnis von „wisdom of the crowd“ und „Geistesaristokratie“ steht und was man von beidem hält (denn man kann auch aufgrund von richtigem Wissen falsche Schlussfolgerungen ziehen). Ein alter pädagogischer und philosophischer Grundsatz lautet, dass Wissenserwerb ein Ausgleich von Bringschuld und Holschuld ist.

Darum ist es ein verzeihlicher Irrtum, zu glauben, dass, wenn erst die Kathedralen der Archive, Bibliotheken und Dokumentationszentren ihre Tore weit öffnen, die Menschen begierig nach Wissen und Erkenntnis hereinströmen, um schließlich satt und energiegeladen hinaus ins Land gehen und die Ärmel hochzukrempeln. (Vor allem hier bei uns in Österreich eine irritierende Vorstellung.)

Nicht nur der Wissenserwerb bedeutet Investitionen und Engagement, auch die diskursive Umsetzung, erfordert gerade über die längere Zeit von Planungs- und Entscheidungsphasen hinweg Standhaftigkeit und Durchhaltevermögen. Die meisten Menschen gehen nicht gerne selbst zur Jagd, sondern lassen sich lieber zum Jagen tragen – oder sich wie übergewichtige, kurzsichtige Fürsten gleich das Wild vor die Flinte treiben.

Der neue Kult der Information. An dieser Stelle werden die Priesterkollegien der Göttin „Information“ auftreten und ihre Vertreter werden sich unters Volk mischen, um es zu leiten. Schon in der Antike gab es Menschen, die für die Beurteilung und Übersetzung von „Rohmaterial“ zuständig waren. Bestand früher das Material aus rohem Fleisch, den offen daliegenden Eingeweiden der Opfertiere, über deren Zustand die „interpretes“ (Zeichendeuter), den Willen der Götter erfuhren und kundtaten, so werden wir künftig offenliegende Daten („Open Data“) haben, die es zu interpretieren, die es „aufzubereiten“ gilt. Und genau so, wie man in der römischen Republik die Handlungsfähigkeit von Magistraten durch ein ungünstiges Opfer behindern oder paralysieren konnte, werden wir uns mit günstigen und ungünstigen Gutachten des Rohmaterials gegenseitig in die Parade fahren.

Das Neue von Gestern ist das Alte von Heute. Der heilige Schauder, der uns befällt, wenn wir vor den Regalkilometern Aktenbergen stehen, verpackt in Terabytes an digitaler Information und uns freundliche Menschen in pastosem Tonfall auffordern: „Nimm und lies!“ wird wie alles Neue und Profanisierte in uns bald das Gefühl des Gewohnten, Gewöhnlichen, Banalen und Schalen aufkommen lassen. Nur wenige Menschen haben den inneren Antrieb, auch nach Tausenden von Zahlenkolonnen und Aktenvermerken mit unverminderter geistiger Anspannung „am Ball“ zu bleiben, das versteckte Interessante im scheinbar so offensichtlich Uninteressanten zu suchen – und mit Glück auch zu entdecken.

Swing low / sweet chariot“ Und diese „unhappy happy few“ sind es, die zusammen mit dem Meer an Daten und verschriftlichten Fakten und Fiktionen das große und beruhigende Ruhekissen des Bürgers 2.0 bilden werden. Denn alleine die Möglichkeit, dass ich jederzeit und überall nachschlagen kann, ersetzt a la longe für mich als Durchschnittsbürger und Part-Time-Aktivist die Wirklichkeit, auch tatsächlich nachzuschlagen, zu forschen und zu verstehen.

Wer wollte nicht längst schon mehr über das Denken von Aristoteles, von Wittgenstein, von Marcuse, Cusanus, Sartre oder Freud nachlesen und hat sich eine günstige Gesamtausgabe im Überschwang eines frühlingshaften Morgens gekauft? Na gut, Morgen vielleicht, nein, da bin ich ganz für meine Kinder da, dann aber Übermorgen … und ganz bestimmt aber, wenn ich in zehn Jahren in Frühpension gehe (falls das dann noch geht).

Wie ich 2020 mit Politik und Verwaltung interagieren werde und welche Daten mir dafür zur Verfügung stehen werden“, sind also nicht nur zwei von einander fast gänzlich unabhängige Faktoren. Es reicht nicht, die Türen für andere aufzustoßen, man muss auch über die abgeschliffenen Schwellen gehen. Es steht dabei außer Zweifel, dass die barrierefreie digitale Veröffentlichung von Gerichtsurteilen, Gesetzestexten, Verordnungen und Erlässen, Planfeststellungsverfahren, Gutachten, Protokollen, Dokumentationen von Konferenzen und Tagungen usw. usw. eine enorme Arbeitserleichterung in der Informationsrecherche für Bürger und Journalisten und besonders die Retrodigitalisierung ein wichtiger Schritt in die digitale Informationsgesellschaft ist: Open Access to Open Data ist einer ihrer wichtigsten Maximen.

Im Glashaus – aber ohne Durchblick? Jedoch wird unsere komplexe globale Menschheitsgesellschaft, die in viele regionale, nationale und kulturelle Interessengruppen zersplittert ist, durch Offenheit und Transparenz der Daten und Fakten nicht weniger komplex. Vielmehr wird sie den ganzen Grad der Komplexheit vielleicht nicht nur nicht enthüllen, sondern im Gegenteil dadurch vielleicht gar verbergen.

Beispiel ACTA: Die unautorisierten Veröffentlichungen des verhandelten ACTA-Dokument, ein Konvolut, kaum umfangreicher als eine bessere Proseminararbeit, haben zwar die Vermutungen der Experten bestätigt und die „digital residents“ in heftigsten Aktionismus gestürzt. Trotzdem bleibt das ACTA-Handelsabkommen nur ein Mosaikstein im Geflecht anderer geltender multinationaler und bilateraler Abkommen, die kaum der öffentlichen Diskussion wert waren, obwohl sie, wie das sog. TRIPS-Abkommen, für alle jederzeit einsehbar waren und sind.

Beispiel „Stuttgart 21“: Als die Wasserwerfer anrückten und in der darauffolgenden Nacht die ersten Bäume an der Nordseite fielen, hatten die demokratisch legitimierten Proteste ihren historischen Höhepunkt erreicht. Nach wochenlangem verbalen und schließlich faktischem Schlagabtausch war erstmals im „Ländle“ eine Wende-Stimmung spürbar, „S21“ stand für die Arroganz der politisch und wirtschaftlich saturierten Kaste, repräsentiert durch die und verflochten mit der seit über 60 Jahre regierende Christlich-demokratische Union (CDU).

Auch in der Sache tat sich etwas, über mehrere Sessionen hinweg tagte eine öffentlich und live im Internet übertragene Schlichtungsrunde unter launigem Vorsitz und charmanter Moderation des altgedienten CDU-Querkopfs Heiner Geisler. Ich kann nicht darüber seriös spekulieren, ob das Projekt, den Stuttgarter Kopfbahnhof in einen um 90 Grad gedrehten und unter die Erde verlegten Durchgangsbahnhof mit „Open Data“ schon im Anfangsstadium eine buchstäblich andere Richtung genommen hätte. Doch nach dem Aufbruch Gesamtdeutschlands nach der Wende in eine gemeinsame Zukunft waren solche Großprojekte, die auch Symbol für die Verbindung eines sich vereinigenden europäischen Verkehrsnetzes waren, bei einem weitaus größeren Teil der Bevölkerung willkommen, als heute, rund fünfzehn Jahre und eine missglückte Bahn-Privatisierung später. Zudem wurde seitens der politischen Repräsentanten in Baden-Württemberg und in Berlin vor allem der politische Aspekt der Entscheidung für oder gegen „Stuttgart 21“ betont und Sachargumente, die über kosmetische Details hinausweisen, als nicht mehr verhandelbar abgewiesen.

Fakten, Fakten, Fakten? Während sich Wissenschaft und Technik erlauben können, alleine dem besseren Argument, der einfacheren Erklärung im Sinne von „Ockam’s Razor“ den Vorzug zu geben, erwächst die Stärke politischer Argumente nicht alleine aus ihrer strikten Faktenorientierung. Politische Entscheidungen stehen im selben Verhältnis zur Wahrheit orientiert wie juristische Urteile zu Gerechtigkeit oder handwerkliches Können zur Kunst.

Gegen eine Politik des Vergessens. Da persönliche – und sei es auch nur nominelle – Verantwortung jedoch eine wichtige, ja bisweilen die entscheidende Kategorie politischen Handelns ist, wird sich mit einem Mehr an öffentlicher Dokumentation und Transparenz auch ein Mehr an politischer Konsequenz einfordern lassen können. Kein Politiker wird sich darauf verlassen können, dass niemand sich an das „Geschwätz von Gestern“ erinnert, weil Gesprochenes und Geschriebenes digital dokumentiert und dutzendfach gespiegelt im Internet jederzeit abrufbar ist. Aber auch hier gilt, dass es eine Option bleiben muss, aufgrund neuer Ereignisse zu neuen Erkenntnissen und damit zu neuen, auch veränderten Entscheidungen zu kommen. (Denn „noch mehr Treue“ ist wie „noch mehr Knoblauch“.)

Data rulez“? Bestimmend dafür, „wie ich 2020 mit Politik und Verwaltung interagieren werde“ ist also nicht, „welche [und wie viele] Daten mir dafür zur Verfügung stehen werden“, sondern 1) meine Haltung gegenüber Politik und Verwaltung und ebenso 2) die Haltung von Politik und Verwaltung mir gegenüber. Das sind habituelle, systemisch-institutionelle und mentale Faktoren, die von weitaus entscheidender Bedeutung sind. Die Gefahr und Krise der repräsentativen Demokratie ist das gleichförmiges Desinteresse aneinander vonseiten Repräsendierenden und Repräsentierten, unterbrochen nur von punktueller gegenseitiger Aufmerksamkeit, wenn es um die turnusmäßige Mandatsverlängerung geht.

Nicht nur, aber gerade in Österreich werden politische Sachfragen vornehmlich unter gänzlicher Absenz der Polis (der Bürgerschaft) verhandelt; stattdessen interagieren Parteien, Interessensvertretungen, Sozialpartner und andere institutionelle Repräsentanten miteinander und untereinander, die Bürger bilden lediglich das mehr oder weniger gut informierte Publikum, das den Wett- und Schaukämpfen per Zeitung und per Live-Schaltung im Hörfunk und Fernsehen oder hie und da im Internet beiwohnen kann. Alle diese instutionalisierten Beteiligten sind hierarchisch und regional orientiert und organisiert, nicht horizontal und sachorientiert – und Entscheidungsfindungsprozesse verlaufen regelmäßig ebenso vertikal durch die Instanzen ab.

Rahmenbedingungen für einen Gläseren Staat: Ohne einen begleitenden Bewusstseinswandel auf Seiten behördlicher Administration sowie politischer Repräsentation und dem Staatsvolk in seiner Gesamtheit, der wirkliche engagierte und sachorientierte Interaktion von Bürgern mit Politikern abseits von Presseaussendungen, Fototerminen und Eröffnungsfeierlichkeiten mit Grußadressen hervorbringt und fördert, wird der Gläserne Staat des „Open Government“ mit „Open Data“ ein hübscher Kristallpalast werden, der Politiker sich leichter rechtfertigen lässt („steht doch eh’ alles online“) und Bürger sich leichter beruhigen lässt („steht doch eh’ alles online“).

Und am Ende tauchen dann sicher doch Vogonen auf, die genau durch unseren Planeten eine Hyperraum-Autobahn bauen. „Was soll die Aufregung? Steht doch eh’ alles online.“

In diesem Sinne: Macht’s gut und danke für den Fisch.

Hier geht’s zu twentytwenty.at.

Erstveröffentlichung in ZiB21 vom 10. Februar 2011

Bildnachweis: Herz-Jesu-Kirche in München-Neuhausen (Aufnahme von Ursula Roseeu, © 2008)
Textnachweis: Joachim Losehand cc by 3.0 AT

Disclaimer: Die Fotografie zeigt das Portal der neuen Herz-Jesu-Kirche in München-Neuhausen in einer Aufnahme von Ursula Roseeu. Dem dankbarerweise am 26. November 1994 völlig abgebrannten Vorgängerbau weint der Autor, welcher einige Zeit seiner unglücklichen Kindheit in unmittelbarster Nachbarschaft fristen musste, keine Träne nach.