Das Urheberrecht in den Zeiten der Digitalisierung

kouroi1

Zum Jahr des Urheberrechts in Österreich, Teil 1. Auf einer Enquete-Veranstaltung des SPÖ-Klubs im Nationalrat sprachen am 14. Jänner die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann und der Jurist Till Kreutzer zu Gegenwart und Zukunft des Urheberrechts.

2011 – das Jahr des Urheberrechts in Österreich, Teil 1. Auf einer Enquete-Veranstaltung des SPÖ-Klubs im Nationalrat sprachen am 14. Jänner die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann und der Jurist Till Kreutzer zur Gegenwart und Zukunft des Urheberrechts und des Umgangs mit kreativen Werken.

Nicht das Internet ist die Krankheit, die Urheber und ihre Medienpartner befallen hat, sondern die Digitalisierung. Ohne die ökonomischen Auswirkungen der unrechtmäßigen Verbreitung von urheberrechtlich geschütztem Material über Tauschbörsen, Torrent-Netzwerke, Videoportale und „1-Click-Hoster“ zu marginalisieren: Weit bedeutsamer für das Urheberrecht ist, dass digitale Medien (Bilder, Filme, Texte, Töne) ohne Qualitätsverlust und in vom Original ununterscheidbaren Kopien von jedermann reproduziert werden können. Doch nicht nur Digitales kann reproduziert werden; auch Analoges kann – gegebenenfalls mit Qualitätseinbußen – im Prinzip von jedem digitalisiert und so wiederum reproduziert werden. Und diese Möglichkeiten stehen heute nicht nur wenigen Professionellen offen, die über entsprechende Investitionsmittel und damit über einen Zugang zu den Produktionsmitteln verfügen, sondern einem Großteil der Menschen in unserer Gesellschaft.

Die Demokratisierung oder Popularisierung der Produktionsmittel bewirkt, dass die technische und finanzielle Barriere, die Menschen daran hindert, selbst medial produktiv zu werden, immer niedriger wird. „Jeder Mensch ist ein Künstler“ befand Joseph Beuys 1978, und aus juristischer Sicht bedeutet das: „Jeder Mensch ist ein Urheber“. Die hierarchisch-aristokratische Ordnung des Urheberrechts, die eine kleine Zahl von Urhebern einer großen Masse von Konsumenten und Nutzern gegenüberstellt, hat sich mit der Digitalisierung zu einer horizontal-demokratischen Ordnung gewandelt.

Jeder Mensch kann mit geringen Vorkenntnissen auf einem Computer Bild-, Film-, Musik- und Textmaterial speichern, bearbeiten, verfremden, fragmentieren und die Einzelteile neu zusammensetzen und mit anderem Material kombinieren. Und wer einen Internet-Zugang hat, findet im World Wide Web alle Werkzeuge, diese Eigenschöpfungen einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und zu verbreiten.

Im Digitalen erblüht der Dilettantismus, denn ein Dilettant unterscheidet sich vom Professionellen nicht notwendigerweise in der Qualität seiner Werke, sondern darin, aus seinen Fertigkeiten eben keine Profession, keinen ausdrücklichen Brotberuf zu machen. So entstehen die meisten kreativen Werke eben nicht aus dem Interesse an materiellem Erlös durch ihre Nutzung, sondern aus kreativem Drang, aus Interesse und aus Liebhaberei. Auch Anerkennung und vielleicht daraus resultierende Bekanntheit sind originäre Motivationen für die Schaffenskraft der dilettierenden Urheber, die sich darin von ihren professionellen Kollegen nicht unterscheiden: „Applaus ist das Brot der Künstler – lasst uns bitte nicht verhungern!“ ist schon lange ins Gut deutscher Sprichwörter eingegangen, auch wenn vermutet wird, dass eher die knausernden Impresarii denn die hungernden Künstler diese Weisheit erfunden haben. Während die meisten professionellen Künstler nicht von ihren Werken leben können, wollen die meisten dilettierenden Künstler von ihren Werken überhaupt nicht leben. Und wenn sie es doch können, dann hat sich das so ergeben, denn das war nicht so geplant.

Kommunitarismus statt Kapitalismus. Nicht nur die individuelle Schaffenskraft eines jeden Einzelnen kann sich heutzutage ihre Bahn brechen, sie kann sich auch vernetzen und mit anderen zusammen an Werken kollaborativ arbeiten. Dabei stehen – wie bei Wikipedia – nicht die einzelnen Urheber im Vordergrund, sondern dem Werk kommt vorrangig Bedeutung zu. Enzyklopädische Lemmata können grundsätzlich von allen eingerichtet, bearbeitet und erweitert werden, der jeweilige Text ist nicht das Produkt eines Einzelnen, sondern gemeinschaftliches Werk der Vielen. Das ist nicht Ausdruck eines wie auch immer gearteten „Webkommunismus“, sondern das Ergebnis einer nicht an Eigennutz sondern Gemeinnutz interessierten und orientierten Zusammenarbeit (Kollaboration).

Das Zeitalter der Wissenschaft und das World Wide Web. Dass im WWW gemeinschaftlich diskutiert wird, horizontal und partnerschaftlich unter Gleichen („peer-to-peer“) gearbeitet wird, ist nicht überraschend. Denn das Netz hat seine Ursprünge in der Idee einer Plattform und eines Netzwerkes für Wissenschaftler. Wissenschaftliche Diskurse verlaufen – jedenfalls im theoretischen Ideal – herrschaftsfrei und nicht hierarchisch. Das bessere Argument und das richtige Ergebnis, logisch korrekte Schlussfolgerungen aus gegebenen Prämissen und empirischen Befunden bestimmen und lenken die Diskussion, nicht Rang oder Herkunft. Die Wissenschaften suchen nicht den wirtschaftlichen Nutzen, sondern die richtigen Antworten und Problemlösungen, die Währung in der wissenschaftlichen Welt sind nicht materieller Reichtum, sondern immaterielle Aufmerksamkeit und Reputation.

Je intensiver und häufiger eine Erkenntnis oder ein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung zitiert, rezipiert, besprochen und zur Grundlage neuer Forschungen und theoretischen Ansätze gemacht wird, desto mehr Anerkennung und Gewinn kann daraus deren Urheber ziehen. Wer also weiß und versteht, wie in den Wissenschaften mit den Ideen und Werken anderer umgegangen wird, wie der code of conduct funktioniert, der weiß und versteht, wie im World Wide Web mit fremdem Material umgegangen wird.

Wir Zwerge auf dem Schultern von Zwergen. Aus einem Buch abschreiben: ein Plagiat; aus zwei Büchern abschreiben: ein Aufsatz; aus drei Büchern abschreiben: eine Dissertation; aus vier Büchern abschreiben: ein fünftes gelehrtes Buch. Der Weg zu wissenschaftlicher Qualifikation führt in der universitären Ausbildung nicht über die Entwicklung eigener Ideen, sondern über den „Remix“ aus Vorhandenem. Ob Proseminar-Arbeit, Hauptseminar-Arbeit, Qualifikationsschriften für den Bachelor, den Master oder Magister, die Dissertation und schließlich die Habilitation: Zwar wird mit jedem Schritt der Anteil der Rezeption und Reproduktion geringer, Grundlage jeder wissenschaftlichen Beschäftigung sind und bleiben jedoch immer bereits vorhandene Ergebnisse und schriftliche Arbeiten, deren Kenntnis durch erschöpfendes Bibliografieren und Zitieren unter Beweis gestellt werden muss.

Verknappung“ heißt „Verschwendung“. Nicht nur, weil Wissenschaftskommunikation ergebnisorientiert und nicht gewinnorientiert ist, sondern heute prinzipiell dem voraussetzungslosen Originalgenie misstraut und es ablehnt, werden, je höher die Zugangsbarrieren zu wissenschaftlichen Ergebnissen sind, der allgemeine Erkenntnisfortschritt und auch die individuelle Reputation umso geringer ausfallen. Somit ist jede Form der Barriere, sei es politisch motivierte Zensur oder wirtschaftliche begründete Bezahlschranke, a priori auch wissenschaftsfeindlich. Verknappung von Information heißt hier, um mit Jeanette Hoffmann zu sprechen: Verschwendung von Information.

Urheber + Nutzer = Wir. Tim Bernes-Lee hat mit seinem Hypertext-Transfer-Protocol und der Architektur des World Wide Web nicht nur den Wissenschaften einen Kommunikationsraum eröffnet, sondern der ganzen Menschheit – und damit die Möglichkeit, zu Urhebern und Nutzern gleichermaßen zu werden. Die Wirklichkeit, die das Urheberrechts ordnen will, hat sich mit der „digitalen Revolution“ verändert – es ist an der Zeit, dass sich das Urheberrecht dieser evolutionären Wirklichkeit stellt und dieser angepasst wird.

[Die Aufzeichnung der Vorträge und die Präsentationen von Jeanette Hofmann und Till Kreutzer im Rahmen der SPÖ-Klub-Enquete am 13. Jänner 2011 finden sich hier.]

Erstveröffentlichung in ZiB21 vom 10. Jänner 2011

Bildnachweis: ”Droi Kouroi” von Joachim Losehand cc by 3.0 AT aus:
“Münchner Kouros” (links, gemeinfrei)
Apoll von Tenea (mittig, gemeinfrei),
“Kouros von Samos” (rechts, gemeinfrei)
Textnachweis: Joachim Losehand cc by 3.0 AT