Der Große Graben

Graben

“Klassische” Urheber, “neue Urheber” und Internetnutzer erwarten vom Urheberrecht, dass es eine gerechte Basis für ihre Arbeitsweise ist und den Austausch von Kultur und Wissen fördert. Das schließt einander nicht aus.

Inzwischen werden zur Urheberrechtsdebatte seitens der interessierten Gruppierungen schon im Wochenrhythmus Aufrufe, Erklärungen und Unterschriftenlisten sowie Gegen-Aufrufe, Gegen-Erklärungen und Gegen-Unterschriftenlisten veröffentlicht: „Wir haben recht!“ gegen „Wir haben auch recht!“, „Wir haben Rechte!“ gegen „Wir haben auch Rechte!“. Es wird medial Stellung bezogen, in einen Stellungskrieg gezogen, in dem Begriffe wie „Content-Mafia“ hüben oder „Raubkopierer“ drüben mit der ganz dicken Bertha abgefeuert werden.

Uneinigkeit über Recht und Freiheit

Denn nichts Geringeres wird hier verhandelt als die Zukunft der freien Kunst gegen die Zukunft des freien Internets; die gegen den Feudalismus erkämpften Freiheiten des materiell und geistig unabhängigen Künstlerdaseins stehen in Opposition zu den gegen eine scheinbar alles kontrolliernde Medienindustrie erkämpften Freiheiten des gleichberechtigt interagierenden und mündigen Nutzerdaseins.

Befürworter wie Gegner des bestehenden Urheberrechts kämpfen für die Grundlage ihrer Freiheit, die den einen das Urheberrecht gibt, den anderen aber das Urheberrecht nimmt. Dabei sind die Freiheiten, auf die sich Befürworter wie Gegner beziehen und die ihnen das Urheberrecht ermöglicht bzw. ermöglichen soll, keineswegs die gleichen und keinesfalls einander ausschließende Freiheiten.

„Klassische“ Urheber sehen im Urheberrecht die Basis ihrer materiellen und damit auch ihrer geistig-intellektuellen Unabhängigkeit, das Urheberrecht soll ihnen ermöglichen, „von ihrer Arbeit zu leben“ und auch „für ihre Arbeit zu leben“. Für „neue“ Urheber und für Internetnutzer ist das Urheberrecht die Basis ihrer horizontalen Kommunikation, die den gegenseitigen Austausch von Informationen und Medien beinhaltet. Der Großteil der Menschen, die im Internet zu „neuen“ Urhebern geworden sind, haben nicht die Vorstellung, dass sie von ihren dort veröffentlichten Werken leben können, sie möchten sich und ihre Kreativität ohne (primär) kommerzielles Interesse mitteilen.

Die Haltung der „neuen“ Urheber und der Internetnutzer, weitgehend ohne Erwartung an unmittelbare materielle Erlöse ihrer Veröffentlichungen zu agieren und mit anderen „neuen“ Urhebern oder Internetnutzern zu kommunizieren, ist die Grundlage der vielgeschmähten „Gratiskultur“, die vielmehr eine Tauschkultur ist, in der die Währung gegenseitige Aufmerksamkeit ist: „Der Applaus ist das Brot des Künstlers, also lassen Sie uns bitte nicht verhungern“, lautet also vielleicht wieder das Motto – diesmal in der digitalen Welt.

„Unser Ding“ ist „Euer Unding“

Denn in der „Welt der Dinge“ leben Urheber heute zu einem Großteil nicht von ihrer Kunst, ihrer ureigensten Kernkompetenz als Künstlerpersönlichkeit, sondern von einer Vielzahl von schlecht bezahlten Auftragsarbeiten, 9-to-5-Jobs oder schlichtweg in ganz unromantischen „prekären“ Verhältnissen. Wenn sie nun heute beobachten oder am eigenen Leib die Auswirkungen des Medienwandels verspüren, bspw. der Verkauf von Tonträgern oder Film-DVDs in der „Welt der Dinge“ massiv einbricht, jedoch in der „Welt des Digitalen“ das Interesse an Werken aller Art ungebrochen ist und trotzdem diese Nachfrage sich nicht oder nur marginal zu Geld machen lässt, weil entweder die Erlöse im Promillebereich liegen oder schlichtweg durch das internetübliche „filesharing“ nicht vorhanden sind, dann muss sich niemand wundern, wenn ihnen das bestehende Urheberrecht als „ihr Ding“ und das Internet als „Euer Unding“ gilt.

Wenn andererseits private Fan-Seiten von Rechteinhabern anwaltlich und kostenpflichtig abgemahnt werden, weil sie in ihrer Begeisterung für einen Künstler oder eine Kunstfigur die eigentlich zum Schutz kommerzieller Interessen bestehende Urheberrechte unwissentlich verletzt haben, wenn zum Schutz kommerzieller Interessen grundlegende bürgerliche Freiheiten wie das Fernmeldegeheimnis aufgeweicht werden sollen, wenn Nutzer zum Schutz kommerzieller Interessen mittels DRM-Systemen gegängelt und durch privatisierte Rechtsdurchsetzung „präventiv“ bedroht werden, dann muss sich niemand wundern, wenn ihnen, denen das Internet als „ihr Ding” gilt, das Urheberrecht als „Euer Unding“ gilt.

Das Internet hat das bestehende Verhältnis von Urhebern und Konsumenten nicht nur revolutioniert, sondern grundlegend verändert. Nicht nur ermöglicht das Netz jedem Menschen prinzipiell, als Urheber global zu veröffentlichen, ohne dazu Professionalist zu sein oder auf unmittelbare Hilfe von Professionalisten angewiesen zu sein („publishing is not a job, it’s a button“), alle Internetnutzer sind potentiell und aktuell Urheber und Konsumenten zugleich, also „pro-sumer” („producer-consumer“).

Indem mehr Menschen als je zuvor sowohl als Produzenten wie auch als Konsumenten vom Urheberrecht betroffen sind und das Urheberrecht nicht als materielle Basis ihrer Existenz, sondern als Regularium zur Kommunikation, Verbreitung und Schaffung neuer Werke verstehen, umso mehr hat das Auswirkungen auf das Urheberrecht. Es reicht nicht mehr aus, dass das Urheberrecht von einer kleinen Gruppe legitimiert ist, den „klassischen“ Urhebern und „klassischen“ Produzenten, weil es nicht mehr die Grundlage für die Arbeit von Wenigen ist. Das Urheberrecht muss sich legitimieren durch die Akzeptanz aller Menschen, die von diesem Recht betroffen sind.

„Bridge the Gap!“

Die „klassischen“ Urheber, Buchautoren, Filmemacher, Fotografen und viele Musiker, müssen erkennen, dass nicht sie allein mehr „die Urheber“ sind, zu denen „die Internetnutzer“ in Opposition stehen. Die „klassischen“ Produzenten und Verlage müssen verstehen, dass nicht gegen „das Internet“ und seine Ökonomie Geld zu verdienen ist, dass sie Internetnutzer nicht mittels Rechtsdurchsetzungen zwingen können und müssen, zu bezahlen, sondern durch Angebote und Geschäftsmodelle, die die herrschende Kultur im Internet akzeptiert und fördert.

Und wir alle – „klassische“ Urheber und Produzenten, Konsumenten und Internetnutzer – müssen das Urheberrecht als ein Recht verstehen, das wir alle gemeinsam haben und das für uns alle gemeinsam formuliert ist und neu formuliert werden muss. Damit wir den Großen Graben überwinden.

Der „Verein der Internet-Benutzer Österreichs“ (vibe!at) leistet aktuell einen Beitrag dazu und startet eine Internet-Plattform zum Urheberrechtsdiskurs. Aufhttp://urheberrecht.vibe.at können alle Menschen ihre Erwartungen an das Urheberrecht von morgen formulieren.

Ich danke Felix Neumann und Thierry Chervel.

Erstveröffentlichung in ZiB21 vom 5. Mai 2011

Bildnachweis: Kanaal van Korinthe (Ausschnitt) von Napoleon Vier from nl cc by-sa 3.0
Textnachweis: Joachim Losehand cc by 3.0 AT

Rettet das Urheberrecht! Schafft es ab!

UrhR

Willst Du sowohl Urheberrecht als auch Internet retten? Dann musst Du ein neues Urheberrecht wollen.

Zu den der gegenseitigen Beschwichtigung dienenden Formeln in der aktuellen Urheberrechtsdiskussion gehört einerseits die Versicherung, niemand wünsche, daß private Nutzer kriminalisiert werden und das Internet der Totalüberwachung anheimfalle, und andererseits, daß niemand die Absicht habe, das geltende Urheberrecht abzuschaffen.

Die Worte vernehmen wir mit Wohlgefallen, indes, dem Frieden trauen wir nicht. Zu Recht, denn ein starkes Urheberrecht und ein freies Internet sind wesensmäßig einander diametral entgegengesetzt.

Unser geltendes Urheberrecht ist im Kern ein Kontroll- und Monopolrecht, das auf bestimmte Zeit den Urhebern bzw. deren Vertretern die absolute Kontrolle über geschaffene Werke zugesteht und dessen ökonomische Basis die künstliche Verknappung des immateriellen Gutes ist. Diese Herrschaft über das Werk ist absolut, ihr kann lediglich durch gesetzliche Schranken bzw. Zwangslizenzen Einhalt geboten werden. Jedoch können sich Urheber und deren Vertreter jederzeit darüber mittels technischer Schutzmechanismen hinweg- und die Schrankenregelungen außer Kraft setzen und so selbst Barrieren aufrichten. Damit ist das geltende Urheberrecht prinzipiell hierarisch organisiert, an dessen Spitze der einzelne Urheber steht und die Masse der Konsumenten die breite Basis bildet.

Teilen, eine Kulturtechnik

Das Internet hingegen existiert und lebt durch die Kulturtechnik des Teilens, durch den freien Austausch von Informationen unter Gleichgesinnten, ja: unter Gleichen. Internetnutzer teilen sich nicht vertikal – von oben nach unten – mit, sie teilen ihr Wissen und ihr Können horizontal mit anderen, ebenfalls teilenden Internetnutzern und verstehen sich und einander als Teil eines unabgeschlossenen und in die Zukunft offenen Ganzen. Immaterielle – digitale – Güter werden im Netz nicht als apriori knappe Güter verstanden, die durch ihre Verbreitung an Wert verlieren, sondern paradoxerweise an Wert gewinnen, je weiter sie verbreitet werden. Jede Barriere, die gegen die Verbreitung und das Mit-Teilen immatiereller Güter errichtet wird, ist somit strukturell und wesenmäßig ein Fremdkörper.

Horizontaler Austausch ist nicht gleichbedeutend mit ungezügelt-kannibalisierendem und regellosem Verkehr: Auch im Internet gelten (neben den nationalen und internationalen Gesetzen) wünschenswerte soziale Umgangsformen sowie Rechte und Pflichten im gegenseitigen Austausch. Barrierefreies Teilen heißt nicht kostenfreies Teilen: Denn eine monetäre Bezahlung dient nicht nur dem materiellen Erhalt von Strukturen und der Produktion von Wissen, sondern honoriert auch das Teilen und das Geteilte.

Das derzeitige Urheberrecht als Regelwerk im Umgang mit Immaterialgütern und das Internet als Umtauschplatz dieser Güter sind dogmatisch so grundverschieden, daß die Gesellschaft wählen muß zwischen einem starken Urheberrecht in der geltenden Fassung und einem prosperierenden Internet, wie wir es kennen.

Wer beides retten will – Urheberrecht und Internet – muß ein neues, ein anderes Urheberrecht wollen.

Erstveröffentlichung in ZiB21 vom 5. Mai 2011
Bildnachweis: “Le Tiers-État portant le Clergé et la Noblesse sur son dos.” (gemeinfrei)
Textnachweis: Joachim Losehand cc by 3.0 AT