Heidelberger Totengräber

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Roland Reuß, Germanist in und Initiator eines Appells aus Heidelberg, wendet sich heute in der FAZ gegen das geforderte Zweitveröffentlichungsrecht wissenschaftlicher Urheber. Wer denkt und redet wie er, schadet den Verlagen mehr, wie er ihnen nützt.

Dass man auf die in der Anhörung des Bundesjustizministeriums gestellte Forderung nach einem Zweitveröffentlichungsrecht und die Unterstützung aus CDU/CSU und SPD reagieren musste, war der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung klar. Doch wer ist so visionslos und gleichzeitig so realitätsfern, dass er der Blattlinie folgen würde, die Vergangenheit der 1990er Jahre als die Zukunft des 21. Jahrhunderts in der gesellschaftlichen wie wissenschaftlichen Informationsverbreitung zu sehen? Natürlich, Roland Reuß, Initiator des bekannten „Heidelberger Appells“ und Möchtegern-Vertreter einer Wissenschaftskommunikation „nach altem Schrot und Korn“, ist sicher bereit, ein Gefälligkeitsgutachten abzugeben.

Mit „Wem nützt das Zweitveröffentlichungsrecht?“ meldet sich der Heidelberger Literaturwissenschaftler erneut an notorischer Stelle und in altbekannter Manier zu Wort. Sein Anliegen ist dasselbe wie das aller Urheber und – wenn wir den Diskutanden glauben dürfen – das der Wissenschaftsorganisationen sowie auch der Verlage: die Stärkung der Rechte des Urhebers. Im Zentrum des Urheberrechts steht der Urheber, das hat auch Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger betont und niemand, weder Open-Access oder creative-commons-Lizenzen befürwortende Webkommunisten noch die Vertreter des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels würde etwas dagegen einwenden.

Weil Roland Reuß nicht mehr „Enteignung! Enteignung!“ rufen kann, wenn wissenschaftlichen Urhebern Rechte zuerkannt werden (nämlich Zweitveröffentlichungsrechte), muss sich dieses Recht als Danaer-Geschenk herausstellen, als ein Troianisches Pferd, das vorderhand Vorteile, in Wirklichkeit aber den Untergang herbeiführt. Ähnlich des bekannten Oxymorons „Bildung macht dumm!“ muss er also sagen: Indem Autoren Rechte bekommen, verlieren sie Rechte.

Richtigerweise kollidiert ein gesetzlich verankertes Zweitverwertungsrecht mit der prinzipiellen Vertragsfreiheit, auch exklusiv ausschließliche Verwertungsrechte an einen Verlag zu übertragen. Denn eine solche exklusive ausschließliche Übertragung wäre aufgrund der grundsätzlichen Möglichkeit, Zweitverwertungsrechte wahrzunehmen, das Papier nicht wert, auf dem sie niedergeschrieben wurde.

Dass es jedoch für den einzelnen wissenschaftlichen Urheber in der Praxis keine Möglichkeit gibt, seine Vertragsfreiheit zu nutzen und nur einfache Verwertungsrechte zu übertragen, sondern dass Verlage regelmäßig und grundsätzlich nur ausschließliche Verwertungsrechte fordern, wird von Roland Reuß hier nicht ausgesprochen. „Vertragsfreiheit“ ist ein hehres Wort, jedoch angesichts der Ungleichheit der Vertragspartner nur Schall und Rauch.

Und so gibt auch Roland Reuß zu, dass Verlage sich üblicherweise derzeit keine einfachen Nutzungsrechte übertragen lassen – und somit Publikationen eines Autoren, der nur solche anbietet, nicht veröffentlicht werden. Hier bestätigt er also dankenswerterweise explizit, dass es die dienstleistenden Verlage sind, denen das Urheberrecht zu Diensten sein muss, nicht den Urhebern. Denn nicht die Freiheit des Autoren ist das Maß der Debatte, sondern das „Investitionsrisiko“ der Verlage, das die Freiheit der Autoren nicht nur real, sondern auch weiterhin gesetzlich einschränken darf.

Zudem wird das „Investitionsrisiko“ der Verlage in der Masse der Publikationen immer auf den Autor abgewälzt, er ist es, der Drittmittel und Publikationskostenzuschüsse einwirbt, er ist es, der die ersten Exemplare seiner Veröffentlichung finanziert, und vom Verlag nur selten und kaum kostendeckende Erlöse zurückfließen. Würden Verlage bei Dissertationen, Tagungsbänden und anderen Erzeugnissen das volle Publikationsrisiko übernehmen und ein angemessenes Autorenhonorar zahlen, wäre die Argumentation zugunsten ausschließlicher Verwertungsrechte wenigstens nachvollziehbar, so aber ist die ewige Mär nur ärgerlich, denn wissenschaftliche Autoren und Herausgeber treten ohne Honorar alle Rechte ab und übernehmen – neben dem Lektorat – selbst auch einen Gutteil der Publikationskosten.

Das Spannendste am Beitrag in der FAZ ist aber nicht das immer gleiche Ausblenden der Publikationswirklichkeit im Wissenschaftsbetrieb, sondern die völlige Ignoranz gegenüber gesellschaftlichen wie technologischen Entwicklungen und den existierenden Möglichkeiten, veränderten Bedürfnissen Rechnung zu tragen.

Es hat den Anschein, als vertrete Roland Reuß die Ansicht, dass noch in fünfzig Jahren auf dieselbe Weise in den Wissenschaften kommuniziert wird, nämlich allein über gedruckte Bücher mit gedruckten Stellenregistern und Nachweisen, dass die wissenschaftliche Welt auch in den Geisteswissenschaften in diesem Jahrhundert wohl ihren Platz zwischen den Buchdeckeln nicht mehr verlassen muss und auch nicht verlassen wird. Internet und Digitalisierung, neue Kommunikationskulturen auch außerhalb der Wissenschaften haben, so könnte man meinen, für Roland Reuß keinen Einfluss auf die wissenschaftliche Veröffentlichungspraxis in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. Zu „Open Access“ kann man, denk man wie der Heidelberger Germanist, nur gezwungen werden; dass wissenschaftliche Autoren aller Disziplinen heute nicht nur freiwillig „Open Access“ publizieren, sondern es eine Selbstverständlichkeit für sie ist, kommt ihm nicht einmal ansatzweise in den Sinn.

Und an dieser Stelle sind seine Klagelieder, die süß wie Honig in den Ohren mancher Verleger schmeicheln, sehr gefährlich. Denn die „Bocksgesänge”, die Roland Reuß schon um den Heidelberger Appell hat ertönen lassen, verleiten vor allem die kleinen und mittleren Verleger dazu, ihre angestammten Geschäftsmodelle nicht zu überdenken, sondern mit eingezogenem Kopf darauf zu vertrauen, dass sie sich in die „neue Zeit“ ohne Anstrengung und radikale Änderungen werden retten können. Anstelle den Puls der digitalen Informationsgesellschaft zu fühlen, neuen Ideen und Visionen aufgeschlossen gegenüber zu sein, beruhigt sie Roland Reuß, dass nicht sie sich und ihr Angebot, ihre Dienstleistungen ändern müssen, sondern dass ihre Kundschaft auch morgen noch das nachfragt, was sie gestern verlangte.

Wer Roland Reuß’ Anti-Vision von einer veränderungslosen Zukunft folgt, ist wie ein Mediziner am Anfang des 20. Jahrhunderts, der überzeugt wird, weiterhin darauf zu verzichten, sich vor einer Behandlung die Hände zu waschen und der im schwarzen Anzug operiert, weil man dann Blut und Sekrete nicht so sieht. Ihm laufen, wird der Unterschied zu den „neuen Behandlungsmethoden“ erfolgreich sichtbar, in Scharen die Patienten davon und die Reputation gleich ebenso.

Es geht nicht alleine um den Preismissbrauch einzelner großer Verlagskonzerne, sondern es geht – auch bei „Open Access“ – um eine Weichenstellung für die Zukunft. Die Studienabgänger der Jahrgänge 1980 bis 1990 und alle Schülergenerationen seit 1990 sind mit der selbstverständlichen Existenz des Internet und einer barrierefreien Kommunikation und Informationsversorgung aufgewachsen, wie unsereins, die Jahrgänge vor 1980, mit der selbstverständlichen Existenz von Telefon und Rundfunk. Die „Neunziger“ sind schon an den Universitäten und sie werden die erste Generation der Wissenschaftler stellen, für die das Internet und die digitale Kultur nicht „neu“ ist, sondern „natürlich“. Sie werden es sein, die selbstverständlich ihre Bedürfnisse und ihre Nachfrage auch in der wissenschaftlichen Informationsversorgung am Maßstab des bekannten world wide web messen und ihre Nachfrage danach ausrichten werden. Fast 100% aller Schüler in Deutschland ist heute online und kommuniziert „im Netz“ – wie werden sie wohl in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren als Studenten oder Wissenschaftler sich mit Informationen versorgen und selbst Informationen publizieren wollen?

Wer liest denn heute noch Rezensionen, die in gedruckten Vierteljahres-Zeitschriften oder gar in Jahrbüchern erscheinen, oft Monate nach dem Erscheinungstermin? Rezensionsjournale haben ihren selbstverständlichen Platz im Internet, wo sowohl das rezensierte Buch als auch der Rezensent selbst sofort, dauerhaft und barrierefrei international sichtbar ist. Würde Roland Reuß heute noch Verlegern und Herausgebern raten, eine Rubrik „eingetroffene Bücher“ am Leben zu erhalten, wenn Wochen und Monate vorher verschiedene Rezensionen schon online (ohne Verlagsbeteiligung!) publiziert und rezipiert wurden, wie bei H-Soz-u-Kult, BMCR oder sehepunkte in den Geschichtswissenschaften?

Die Forderung nach einem gesetzlich verankerten Zweitverwertungsrecht ist ein deutliches Signal an die Verlage, dass sich die Publikationsinteressen und -bedürfnisse der Urheber, der wissenschaftlichen Autoren verändern und sie nicht das Gefühl haben, dass die Verlage diese Verschiebung wahrnehmen und bereit sind, angemessen darauf zu reagieren. Es ist eine zwingende Aufforderung an die Verlage, sich endlich der Zukunft zuzuwenden und ihr Angebot an der vorhandenen und zukünftigen Nachfrage auszurichten. Denn im digitalen Zeitalter kann nicht nur jeder Narr einen Blog oder ein Video ins Internet stellen, sondern können innovationsfreudige und nachfrageorientierte Entrepreneurs neue Publikationsideen einfach und ohne sehr große Investitionen umsetzen. Es gibt schon viele online-Publikationen von Wissenschaftlern für Wissenschaftler, die ohne traditionelle Verlagsbindung und -geschäftsmodelle arbeiten. Es werden mehr werden und dann sind nicht jene mit „Verstaatlichungsphantasien“ die Feinde der jetzigen kleinen oder mittleren Verlage, sondern jene neuen kleinen, mittleren und großen unternehmerischen Initiativen, die die sich verändernde Welt mit Informationen so versorgen, wie die Welt sie haben will.

Wenn die Verlage, die Roland Reuß so gerne geschützt wissen will, nicht mit der Zeit gehen, werden sie mit der Zeit gehen. Und niemand wird sie vermissen, weil andere die Lücke, die sie dann schon nicht mehr hinterließen, ausgefüllt haben werden.

Erstveröffentlichung in gulli.com vom 21. Juli 2010

Bildnachweis: Boat Graveyard von Tender Young Pony of Insomnia cc by-nd 2.0
Textnachweis: Joachim Losehand cc by 3.0 AT